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Leichtathletik EM Berlin

DAS große sportliche Event in diesem Jahr, auf welches seit Monaten hingefiebert wurde, ist jetzt schon lange wieder Geschichte. Doch es ist eine schöne, bei der ich mit tollen Momenten, Erfahrungen und lehrreichen Taten ein Teil von sein durfte.

Eine Europameisterschaft im eigenen Land ist fast wie die Teilnahme an Olympischen Spielen. Naja vielleicht nicht ganz, aber für mich hatte sie eine unheimlich große Bedeutung. In meiner Disziplin aktiv das Geschehen und die Ergebnisse mit zu beeinflussen. Meinen persönlichen Stempel aufdrücken und einfach im Nationaltrikot nah seinen Freunden, Familie und Fans zu sein. Wann hat man mal wieder solch eine Möglichkeit und europäische Titelkämpfe bieten uns als Langstrecklern auch die Chance, einmal vorne mit zu laufen und uns zu zeigen.

Meine Vorbereitung auf die EM war zielgerichtet, durchgeplant und knall hart im Training. Aber meine Trainingsergebnisse waren sehr gut, meine Erholung stimmte, nur leider wurde es immer heißer.  Anpassung war angesagt und das habe ich so gut es ging und für mich möglich war, umgesetzt. Mehr war nicht machbar.

Ich wusste, dass das Rennen in der Hauptstadt eine Qual werden würde, wenn es nicht deutlich abkühlt, aber ich hatte Bock auf Quälen und Kämpfen und freute mich einfach auf das was da kommt. Denn alle haben die Wärme und diejenigen, die besser mit ihr klar kommen, kommen am besten durch.

Im Vorfeld auf das Rennen habe ich so meine heimlichen Favoriten genannt und lag am Ende mit meiner Schätzung ganz gut. Meine Wunschvorstellung war es, vorne mit zu mischen. Die Medaille in der Mannschaft eine realistische Chance, auch weil die Portugiesen keine Mannschaft ins Rennen schickten. Vom Training wusste ich, was ich kann und war trotz großer Aufregung in guter Verfassung: „Euch da vorne ärgere ich ein wenig!“
Ein Tempo von 3:30/km machbar, eine Endzeit um die 2:28:00h realistisch. Doch da war die Sache mit dem Wetter. 🙁

Ich habe das große Glück, die Gene meiner Mama geerbt zu haben, was das Laufen angeht. Ebenso habe ich Ihre Hitzeunverträglichkeit mit in die Wiege gelegt bekommen … im Grunde eine annehmbare Bürde. Als Marathonläufer, dessen Meisterschaften ebenso im Sommer statt finden, wie die der anderen, eine Belastung.

Meine Mama wie auch ich mussten bereits im Schüleralter bei Hitzeläufen Zeiten und Plätze einbüßen, hingen nach einem Rennen überm Mülleimer oder bekamen einen knallroten Kopf, der ungesund glühte. Aber was machen ?!? Meisterschaften absagen und auf Frühjahr und Herbst ausweichen oder Augen zu und durch und damit leben, dass es Abstriche geben wird!?!

Für mich war ganz klar, dass ich in Berlin laufen möchte, komme was wolle, doch mit der Hoffnung, dass es nicht ganz so sommerlich werden würde.

© Kuno Hottenrott

© Robert Steinruck

Naja, 09:05 Uhr fiel der Startschuss zu unserem Rennen und es war ein hammer Gefühl durch die Berliner Straßen getragen zu werden. Der Support an der Strecke war mit nichts vergleichbar und trug mich durch jede Runde. 4 an der Zahl mussten wir durchlaufen und meine Marschroute; Ruhiger anfangen und in der zweiten Hälfte aufdrehen und kühlen, kühlen, kühlen.

Auf der Strecke suchte ich mir die Schattenseiten aus, aber hielt Blickkontakt zum Führungsfeld und das bis Ende der zweiten Runde, doch dann wurde es immer schwerer.  Leider hatte ich zwei Gruppen vor mir ziehen lassen müssen, da sie mir am Anfang doch etwas zu schnell waren. Der Abstand blieb dann aber konstant und zu manchen Zeitpunkt des Rennens schrumpfte er sogar. Nur leider lief ich alleine, alleine gegen den Wind, alleine mit Blick auf die nächsten Läuferinnen, die ich einkassieren wollte. Und das kostete Kraft.

Zwischendurch hatte ich zwei Hinterbeine einer Spanierin gefunden, doch wurde mir der Kilometer gefühlt zu langsam – joggen und ein Blick auf die Uhr verriet es mir: 3:44min … nein das ging nicht und ich scherte aus und stiefelte weiter. Im Wind – alleine. Das war mein taktischer Fehler im Rennen. Ich hätte bei den beiden (Spanierin und Britin) bleiben sollen und auf die letzte Runde warten. Die Spanierin kam am Ende unter die Top 10, ich konnte sie nicht mehr halten in der letzten Runde, ich war leer.

© Ballocks.de

© Norbert Wilhelmi

© Robert Steinruck

 

 

 

 

 

 

Ab Kilometer 27/28 merkte ich wie mit der Saft ausging und ich mich von Wasserstelle zu Wasserstelle kämpfte, immer im Hinterkopf; jeder Platz ist unser Punkt für die Mannschaft und du liegst konstant im vorderen Drittel. Na und der Support unserer Fans, Teamkollegen und Freunde an der Strecke trug mich weiter. Dann waren auch die Männer auf der Strecke und die Zurufe unserer Jungs, die selber am Kämpfen waren, gaben mir Kraft.

Bei Kilometer 35 begannen meine Oberschenkel zu schmerzen. Es fühlte sich an wie Krämpfe. Das kenne ich von mir nur beim Krafttraining, wenn die Beine bei den 80-100sten Wiederholungen an der Beinpresse anfangen zu zittern. Aber 7 Kilometer, was sind das schon gegen die bereits geschafften 35. Also fand ich neue kleine Ziele. Egal ob eine bestimmte Kurve, Wasserstelle oder ein Hinterbein.

An den Zieleinlauf kann ich mich nur wage erinnern. Ich weiß nur, es war sehr laut, meine Beine brannten und ich wollte diese eine Läuferin noch bekommen. Sonst Tunnel, ich sah keine Zeit, keine überholte Mitstreiterin und auch kein Links und Rechts. Woher ich den Endspurt noch rausgeholt habe?! Keine Ahnung. Der Schmerz hat mich in den Moment nicht mehr gestört, die leeren Arme nicht gemerkt, das Ziel war kurz vor mir, na und Papas Sprintergene sind zwar etwas versteckt, aber kamen im richtigen Moment zum Vorschein ;);)

Mein erster Gedanke im Ziel: Gott sei Dank ist die Qual vorbei. Mein zweiter: ich brauche Cola. Für das Interview nach dem Rennen konnte ich mich noch zusammenreißen, auch wenn meine Luft nach und nach versagte. Doch dann war von jetzt auf gleich Ende in der Maschine. Die Finger und Unterarme krampften, die Waden krampften und die Oberschenkel konnten mich nicht mehr halten. Letztendlich wurde ich von unseren Physiotherapeuten ins Mannschaftszelt „getragen“.

© Robert Steinruck

Nach der zweiten Flasche Cola und etwas Auflockerung wollte ich zu meiner Familie und Freunden, die auf der anderen Seite des Zaunes standen, doch da mein Kreislauf immer wieder absackte, musste ich schweren Herzens erstmal noch liegen bleiben. Das ging mir vielleicht gegen den Strich ;);) aber letztendlich stand ich wieder, zwar etwas geschwächt, aber lächelnd Autogramme gebend und Fotos machend und am Erzählen.

 

Mein Resumé:
Ich sehe meinen Lauf mit einem Lächelnden und einem weinenden Auge. Das Event war emotional und toll, alleine dank der tollen Fans an der Strecke. Ich habe meine beste Platzierung bei einer internationalen Meisterschaft mit Platz 16 erreicht, zeitgleich mit der 15. in 2:35:00h. Den Bedingungen und dem Rennverlauf, sowie meinem taktischen Fehler geschuldet, habe ich alles rausgeholt, was mir möglich war.
Für meine Tagesform, mein Potenzial und dem was ich wollte, bin ich nicht glücklich.
Mein persönlicher Nachteil bei Hitze nervt mich dabei sehr, lässt sich aber eben nur durch gezieltes Arbeiten mindern. Und das habe ich. Ich wollte vorne mit und ich weiß, dass ich das drauf hatte. Und dass wir am Ende leider ohne Mannschaftswertung dastanden, macht mich auch traurig.
Davon erfuhr ich leider erst im Ziel, dass Laura aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Aber ich war beruhigt, als ich sie später nur leicht lädiert in den Arm nehmen konnte, und nichts schlimmeres passiert war.
Aber ein Marathon hat eigene Gesetze und wenn wir mit Minimalbesetzung an den Start gehen, ist ein hohes Risiko dabei, keine Mannschaft zu haben. Wir bekommen vielleicht irgendwann mal wieder die Chance!? Ich hoffe es, denn ich will endlich meine internationale Medaille !!!

 

Noch ein paar Impressionen:

©Hugo Hottenrott

© Detlef Rahrt

© Eiswuerfelimschuh

© Norbert Wilhelmi

© Robert Steinruck

© Robert Steinruck

© Robert Steinruck

© Robert Steinruck

© Robert Steinruck

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